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Barfuss
Man muss sich immer neu erfinden. Das scheint mir der einzige Weg, um der Vorhersehbarkeit, der Monotonie und der Trägheit zu entrinnen. Dieses Vorhaben zeitigt Wunderliches: Neulich habe ich damit angefangen, barfuss Spaziergänge zu unternehmen. Der Rest des Körpers ist in gepflegte Kleidung gehüllt. Dieser stilistische Bruch am unteren Ende sorgt für Irritation bei den Passanten, und mir geht’s gut dabei. Seither sehe ich mich selbst mit anderen Augen, kenne mich gar nicht.
Caspar Reimer
vor 20 Stunden1 Min. Lesezeit
Persönlicher Gott; Gebete und Lobpreisungen
Persönlicher Gott „Ich schuf die Welt in ursprünglicher Vollkommenheit“, singt Gott Vater vom Cembalo aus. (2001) Es bleibt eine nicht ganz geheure Vorstellung: Ein Gott, der auf mich (ja mich!) in irgendeiner Form reagiert. (2002) Dass ein Gott mir übel wolle oder gar Gutes tun - welch eine Annahme! Man denkt an Launen. (2006) Gott - diese immer wieder falsch verstandene... Prominenz? (2008) Gebete & Lobpreisungen Er ertappte
Roland Müller
vor 21 Stunden1 Min. Lesezeit
günter grass: beim häuten der zwiebel
(2006) auf seite 7, ganz am anfang des ersten kapitels, behauptet grass: 'auf engem raum wurde meine kindheit beendet, als dort, wo ich aufwuchs, an verschiedenen stellen zeitgleich der krieg ausbrach'. er schreibt: 'mit ehernen worten wurde in einer parterrewohnung, die teil eines dreistöckigen miethauses im langfuhrer labesweg war, das ende meiner kinderjahre ausgerufen.' und er sagt: 'sogar die uhrzeit wollte unvergesslich sein.' mit dem ersten satz rennt er natürlich sämt
Daniel Costantino
vor 21 Stunden12 Min. Lesezeit
Gott. Annäherungen & Entfernungen
Gott glaubt an seine Schöpfung, ich glaube freundlich zurück. (2008) Wie kann man’s mit Gott halten, gläubig sein? - Wohl, indem man sich als Geschöpf fühlt, fühlen darf. (2019) Der Gläubige bekennt, „im Stande der Gnade zu sein“. Nun braucht es nur noch diese kleine Anstrengung, „als Ebenbild Gottes“ glaubwürdig zu sein. (2014) Der Glaube macht selig. Was es zu gewinnen gibt, ist mehr, als was auf der Hand liegt. (2018) Bist du religiö
Roland Müller
1. Juli1 Min. Lesezeit
Phantome
Muss Literatur politisch sein? Sie sei es sowieso, antwortet die Autorin Mithu Sanyal. Eine Literatur sei entweder bewusst oder „einfach nur so“ politisch. Denn Politik sei eine weder aus dem Leben noch aus Geschichten wegzudenkende Dimension. Gut. Dann ist natürlich auch die Beschreibung einer Bananenschale auf dem Trottoir politisch. Und vom Niedergang der Linken zu berichten, würde sich von einem Versuch über die Eisdiele in nichts unterscheiden. Ist jede Literatur und sow
Daniel Costantino
1. Juli2 Min. Lesezeit
Der Punkt vor dir
Ihm schien, als kreise das Leben seiner Kollegin um einen Punkt, der irgendwo vor ihr auf Schulterhöhe irrlichterte. Sprach sie, streckte sich ihre Nase wie der Schnabel einer Giesskanne zu diesem Punkt hin. Es war einfach, mit ihr auszukommen. Man musste sich nur auf diesen Punkt konzentrieren. Ein Ort, an dem unablässig geplaudert und gelacht wurde, der alle Fröhlichkeit auf sich zog. Schönen wundervollen guten Morgen, lieber Kollege! Hier ist deine liebe Kollegin! Zurückha
Caspar Reimer
24. Juni2 Min. Lesezeit
Jungs
Andreas (Res) Ich möchte ihm mütterlich die zu langen Ärmel umkrempeln. Sie fallen ihm immer wieder über die Hände, während er uns gestikulierend seine klugen Gedanken vorträgt. (Dezember 1981) Andreas (Andi) Bei einem befreundeten Ehepaar treffe ich den überaus hübschen Jungen Andi, der wie ich hier zu Gast ist. Zu dritt sitzen sie auf dem Boden, barfuss, die Hände stützend hinter sich. Und der Vierte, ich, hoch zu Stuhl und immer noch in Schuhen. Ich r
Roland Müller
24. Juni3 Min. Lesezeit
Die Sprachkritik im Hinterhof
Teil III (Schluss) Alles nicht wahr, alles nicht wahr! kreischte es mit einem Mal aus heiserem Munde und so laut, dass sich der Rezensent, der gleich daneben sass, die Ohren zuhielt. Im Widerschein einer Lichtanlage, die sich über der Kellertreppe eingeschaltet hatte und die Szene wie ein Bühnenlicht erhellte, behauptete jemand Unerhörtes und wiederholte es dem Entrüsteten vor aller Augen; dass nämlich seine Nachbarn aus Eritrea Sonntag für Sonntag ihre Kinder einschlössen,
Daniel Costantino
24. Juni5 Min. Lesezeit
Die Heimat in der Heimatlosigkeit
Wer an eine Gemeindeversammlung geht, gehört wohl irgendwie dazu. Ist im Herzen der Gesellschaft angekommen. Oder war schon immer dort. Jener weiss, welche Debatten in den Neunzigern um eine neue Strassenbeleuchtung geführt wurden, wer sich vor zehn Jahren für die Schulraumplanung ausgesprochen hatte und wer dagegen, jener kennt die Geschichte der Fussgängerbrücke beim Kreisel am Dorfeingang, deren Sanierung immer wieder zurückgestellt wurde. Das war eine leidige Geschichte.
Caspar Reimer
17. Juni3 Min. Lesezeit
Träume
„Wenn im Schlaf das Bewusstsein einschlummert, erwacht im Traum die Existenz.“ (Michel Foucault) Träume Sie vervollständigen mich, obwohl von ihnen bei Tage wenig übrig bleibt. Aber sie waren da. Wenn ich nun - einerseits - den Traum im Wachen weitgehend vergesse, so verhält es sich - andererseits - doch so, dass ich mich im Traum auf sonderbare Weise an mich erinnere, oder, überspannt gesagt, meiner gedenke. (Januar 2017) Wo ist der Traum geblieben?
Roland Müller
17. Juni2 Min. Lesezeit
Die Sprachkritik im Hinterhof
Teil II Unschlüssig, ob er entgegnen oder schweigen solle, da sein Gegner jetzt innehielt und sich erschöpft am Tisch aufstützte, langte der Rezensent in seine Jacke, fand dort ein Päckchen Tabak und seine Pfeife vor, legte beides auf den Tisch und führte dann, den andern im Blickwinkel behaltend, die Pfeife zum Päckchen wie eine Schaufel zur Grube, bis sie mit dem ganzen Kopf darin verschwand, und begann sie mit nestelnden Fingern zu stopfen. Doch der Gastgeber, von jemandem
Daniel Costantino
17. Juni5 Min. Lesezeit
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Fotos: www.pixabay.com
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